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Lernen & Anwendung

Wissen gelernt. Trotzdem nicht angewendet.

Warum Lerntransfer eine eigene Aufgabe ist – und wie Lehre auf neue Situationen vorbereitet.

EDUGEN4 Min. Lesezeit

Eine transparente Brücke verbindet einen Papierstapel mit einer Metallverbindung; eine gelbe Kugel liegt auf der Brücke.
Visuelle Metapher · EDUGEN
In diesem Beitrag
  1. Eine richtige Antwort beantwortet noch nicht jede Frage.
  2. Transfer beginnt beim Erkennen des Zusammenhangs.
  3. Was die Forschung dafür nahelegt.
  4. Ein Beispiel: Die Zahl stimmt. Passt auch die Aussage?
  5. Vier Fragen für Ihre nächste Lernsequenz.
  6. Was das für Ihre Einrichtung bedeutet.
  7. Unser Blick bei EDUGEN.
  8. Quellen & Einordnung

Lerntransfer heißt, Wissen und Fähigkeiten in einer neuen Situation zu nutzen. Wer eine vertraute Aufgabe lösen kann, hat damit noch nicht gezeigt, dass er den passenden Zusammenhang auch ohne Vorlage erkennt. Gute Lehre plant diese zweite Anforderung mit ein.

Auf einen Blick

  • Wiedererkennen, Erklären und Anwenden stellen unterschiedliche Anforderungen.
  • Neue Beispiele helfen, das gemeinsame Prinzip in verschiedenen Situationen zu erkennen.
  • Anwendung braucht eigene Gelegenheiten und passende Rückmeldung.

Eine richtige Antwort beantwortet noch nicht jede Frage.

Eine Lerngruppe besteht die Abfrage am Ende einer Schulung. Begriffe sitzen, Formeln sind bekannt und die Musteraufgaben gelöst. Einige Wochen später muss das Team mit einem ungewohnten Fall umgehen. Jetzt fehlen die vertraute Aufgabenüberschrift, die passende Formel daneben und der Hinweis, welcher Zusammenhang gefragt ist.

Das ist eine andere Anforderung. Als Verantwortliche sollten wir deshalb getrennt fragen: Was können Lernende wiedergeben? Was können sie begründen? Und was können sie in einer veränderten Situation selbstständig einsetzen? Eine gute Antwort auf die erste Frage ist wertvoll. Für die beiden anderen brauchen wir weitere Einblicke.

Transfer beginnt beim Erkennen des Zusammenhangs.

Barnett und Ceci unterscheiden Transfer danach, was übertragen wird und wie sich Lern- und Anwendungssituation unterscheiden. Dazu gehören unter anderem der fachliche Kontext und der zeitliche Abstand. Ihre Übersicht zeigt, weshalb „Transfer“ kein einheitlicher Erfolgswert ist: Die Anforderungen können sich erheblich unterscheiden.[1]

Für die Gestaltung von Lehre folgt daraus eine praktische Frage: Was genau soll später übertragbar sein? Ein Rechenverfahren, ein fachliches Konzept, eine begründete Entscheidung oder ein ganzer Arbeitsablauf? Je klarer das Ziel, desto gezielter lässt sich eine neue Situation auswählen, in der dieses Können sichtbar wird.

Der Zusammenhang
WiedererkennenDas kommt mir bekannt vor.
BegründenIch weiß, warum es passt.
AnwendenIch nutze es im neuen Fall.
Drei unterschiedliche Anforderungen an Wissen. Die Darstellung ist eine Orientierung, keine feste Lernreihenfolge.

Können zeigt sich, wenn die vertraute Vorlage fehlt.

EDUGEN Perspektive

Was die Forschung dafür nahelegt.

Butler verglich in vier Experimenten wiederholtes Lernen mit wiederholten Tests. Eine Woche später schnitt die Testbedingung bei Behalten und Transfer besser ab. Untersucht wurden konkrete Texte und Prüfungsaufgaben. Daraus lässt sich keine allgemeine Erfolgsgarantie für jede Schulung ableiten.[2]

Eine spätere Studie untersuchte das Abrufen und Anwenden eines Konzepts an unterschiedlichen Beispielen. In diesen Experimenten unterstützte die Variation den Transfer auf neue Beispiele. Für die Praxis ist das ein begründeter Anlass, neben Wiederholung auch bewusst unterschiedliche Anwendungssituationen vorzusehen.[3]

Ein Beispiel: Die Zahl stimmt. Passt auch die Aussage?

In einer Übung berechnen Lernende einen Mittelwert. Die Lieferzeiten von fünf Bestellungen betragen 2, 2, 3, 3 und 20 Tage. Der Mittelwert ist 6 Tage, der Median 3 Tage. Die Rechenaufgabe ist damit erledigt. Die Anwendungsfrage beginnt erst jetzt: Welche Zahl beschreibt für unsere Fragestellung die Lieferleistung sinnvoll?

Geht es um die typische einzelne Bestellung, kann der Median aufschlussreich sein. Geht es um die gesamte Wartezeit über alle Bestellungen, ist der Mittelwert relevant. Die sehr lange Lieferung bleibt außerdem ein wichtiger Hinweis auf Zuverlässigkeit. Eine Kennzahl ersetzt die fachliche Einordnung nicht.

Dieses erfundene Beispiel zeigt den Unterschied zwischen Verfahren und Anwendung. Lernende sollen nicht nur eine Zahl ausrechnen, sondern begründen können, welche Aussage sie mit dieser Zahl treffen und welche Information dabei verloren geht.

Fünf Bestellungen · ein Beispiel

2Tage
2Tage
3Tage
3Tage
20Tage
Mittelwert6 Tage
Median3 Tage
Dieselben Lieferzeiten, zwei verschiedene Aussagen. Erfundenes Lehrbeispiel.

Vier Fragen für Ihre nächste Lernsequenz.

Nutzen Sie diese vier Fragen, um das Ziel, die Anwendungssituation und die Rückmeldung Ihrer nächsten Lernsequenz aufeinander abzustimmen.

  1. Welcher Zusammenhang soll auch ohne die vertraute Vorlage erkennbar sein? Formulieren Sie das Lernziel als Handlung, etwa „eine Kennzahl begründet auswählen“.
  2. Was verändert sich im neuen Fall? Variieren Sie beispielsweise die Darstellung oder den beruflichen Kontext, während das fachliche Prinzip gleich bleibt.
  3. Welche Begründung möchten Sie hören? Lassen Sie Lernende erklären, warum sie ein Verfahren wählen und unter welchen Bedingungen es passt.
  4. Welche Rückmeldung führt weiter? Greifen Sie die fachliche Annahme auf, die hinter einer Entscheidung steht, und schaffen Sie danach eine weitere Anwendungsmöglichkeit.

Was das für Ihre Einrichtung bedeutet.

An Hochschulen lässt sich zwischen dem Beherrschen einer Standardaufgabe und dem begründeten Umgang mit einer neuen Problemstellung unterscheiden. In Schulen können unterschiedliche Darstellungen eines Zusammenhangs eine Brücke bilden. In der Berufsbildung sollten Situationen den fachlichen Entscheidungen im Beruf näherkommen.

Für Unternehmen lohnt sich eine klare Beschreibung der Handlung nach der Schulung: Was soll das Team im Alltag beurteilen, entscheiden oder ausführen können? Wenn dieses Ziel feststeht, lassen sich Übung und spätere Rückmeldung daran ausrichten. Eine Abschlussabfrage allein beantwortet diese Frage noch nicht.

Unser Blick bei EDUGEN.

Wir richten Lernbegleitung auf Verständnis und Anwendung aus. Dazu gehören Fehlermuster und ihre fachlichen Gründe ebenso wie neue Zugänge zum Stoff und Einblicke für Lehrende. Entscheidend ist für uns die Verbindung: Was hält Lernen auf, welcher Zusammenhang fehlt und welches Können soll daraus entstehen?

Wenn Sie EDUGEN für Ihre Einrichtung kennenlernen möchten, sprechen wir über Ihre Lernziele und eine passende Fachsituation. So wird aus einem allgemeinen Plattformgespräch eine konkrete Diskussion über Ihre Lehre.

Quellen & Einordnung

Die verlinkten Quellen ergänzen die Aussagen im Beitrag. Praxisbeispiele und Empfehlungen stammen von EDUGEN und ordnen die Forschung für die Gestaltung von Lehre ein.

  1. Barnett & Ceci (2002): When and Where Do We Apply What We Learn? A Taxonomy for Far Transfer
  2. Butler (2010): Repeated testing produces superior transfer of learning relative to repeated studying
  3. Butler et al. (2017): Retrieving and applying knowledge to different examples promotes transfer of learning
Ihre Lehre. Unser Gespräch.

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